Das Stück beginnt mit einer Gedenktrauerfeier, in welcher zwei Frauen nachts ihre Gedanken und Gefühle beklagen: Der Schmerz und das Leid, welchen der Krieg über die Menschen hereinbrechen läßt, schlug in mir eine vertraute Seite an, ich spürte die Traurigkeit über in meinem Leben erlebte Trauerfälle: Diese Traurigkeit war mir vertraut, eine Traurigkeit, die das Geschehene als unveränderliche Konstante gleichsam konstatiert.
Der Mensch will sich von Leid befreien- in allen Lebenslagen, menschlich wie politisch.
Die Historienuhr des Stücks ließ Geschichte rauf und runter im Zeitraffer passieren:
Spartakusbund, rote Fahne, Generalstreik, Waffengewalt. Befreiung von der Diktatur als symbolische Überschrift.
Die wunderbar weichen und grazil-geschmeidigen Tanzbewegungen von Gisela Heine schlichen sich förmlich in den eigenen Körper: teilweise kam es mir vor, als fühlte ich die Bewegungen und ihre nonverbale Botschaft von der Macht des Wunsches auf Freiheit.
Frau Heines Tanz vereint sinnliche Grazilität mit agiler Kraft in besonderer Harmonie- hier wirkt nichts unvereinbar, zwei eigentlich gegensätzliche Kräfte ergänzen sich wunderbar.
Meine Aufmerksamkeit zog auch die schöne Stimme von Barbara Schmidt auf sich, deren Auszeichnung eine äußerst klare Intonation und die Fähigkeit zu variationsreichen Modulation war: so gefielen mir auch die gesungenen Lieder allesamt sehr gut: Eines der Lieder, das Lied “Mein Sohn, wohin gehst Du… “, sprach mich aufgrund seiner menschlichen Tragik besonders an: Die Trauer einer Mutter über das durch den Krieg ihren Kindern zugefügte Leid fühlte sich beklemmend an, Ohnmacht und Hilflosigkeit sind Gefühle, die jeder von uns kennt.
Kassandra als die Unheilsverkünderin durch die Jahrhunderte, gespielt von Barbara Schmidt, zeigte ein weiteres düsteres Bild vom Charakter des Krieges als Unheil, Leid und Tod bringendes alles verschlingendes Monster. Dieses Monster wurde auch durch den Moloch verkörpert.
Das trojanische Pferd: Sinnbild für die Zerstörung Trojas durch die Griechen mittels einer List, ferner Sinnbild für die Machenschaften von Dikaturen und nicht zuletzt auch Sinnbild für gelebte und “passierte” Geschichte im weitesten Sinne.
Die Regenschirm-Spirale der Jahre 1939-1945, der Tod tanzt und der Moloch Krieg verschlingt alles.
… Der Judenstern, der Blick der zwei Frauen aus dem Rahmenfenster mit schwarzem Vorhang.
Themata: Unfreiheit, Verfolgung, Macht und Tod.
Der weiß maskierte Tod tanzt mindestens dreimal, schleichend kraftvoll und mit subtiler Lebensenergie, die alles Leben einnimmt.
… Als der Krieg 1945 aus ist, tanzt der Tod s(ein) zweites Mal. Der Krieg hat Zerstörung und Tote hinterlassen. Die erwartete Freiheit bleibt im wesentlichen aus- die Mauer wird gebaut, trotz der Versicherung von Walter Ulbricht ( Bandstimme Original: “Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.” )
Die Mauer schafft wieder Trennung und Leid, eindrucksvoll inszeniert durch die schwarze Mauerwand, an welcher sich die zwei Darstellerinnen von jeweils der entgegen gesetzten Seite körperlich und per Sicht zu begegnen zu versuchen- doch ihrer beider Hände greifen ins Leere: Die Resignation der verhinderten Berührung ist für den Zuschauer fast fühlbar, trägt sie doch so viel innere Not, diesen geschichtsträchtigen Leidensdruck in sich.
Aufbegehren gegen eine Diktatur wird mit dem Tode bestraft- sehr bildhaft und anrührend dargestellt durch die 7 Räucherstäbchen, welche 7 Söhne einer Mutter, die ihrem Glauben abgeschworen hatten, darstellten. Bewegend ist hier der Mut, der Überlebenswille, der allen Widrigkeiten, selbst dem Tod, trotzt, eben dieser eine spezielle Mut der Authentizität!
“Alles ist im Begriff, sich aufzulösen!”
“Ja, gehen wir!” : Die Worte der beiden weiblichen Akteure.
Mit dem Fall der Mauer, symbolisiert durch die beiden Todesanzeigen, geht die Geschichte wieder zurück in die Kiste. Ein kurzes finales Aufleben der Historie, welche als knisternde Folie noch mal aus der Kiste der Vergangenheit geholt wird: ein zauberhafter Folien-Tanz- bald einem geheimnisvollen Flaschengeist gleich, welcher sich am sich anschließenden Ende des Stückes förmlich wie ein Leichentuch über die Darstellerinnen und die Gegenstände legt…
Melani Knobl